Ausgabe No.15 - Der geistige Revolutionär Christus
Juni 2000

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No. 15
  Finanzmarkt & Aktienwahn


Finanzmarkt & Aktienwahn
Du Glaube an die Wundertüte


Aktienkaufen ist »in« in Deutschland. Waren Geldgeschäfte dieser Art bis vor kurzem noch einigen reichen Börsianern vorbehalten, hat nun manch kleiner Mann von nebenan ein neues Hobby gefunden: Onlinetraden.

Klar, schließlich träumt ja jeder den Traum vom großen Geld; und wenn man irgendwann gecheckt hat, dass es mangels Schönheit nicht bis Hollywood reicht, man mit ehrlicher Arbeit jedoch auch nicht bis ganz oben kommt, bleibt schließlich noch die Hoffnung auf die Wundertüte Börse, um wenigstens ein paar Krümel vom Kuchen der Superreichen abzubekommen...

Stellt euch vor: Die Umsätze mit Aktien, Konzernanleihen, staatlichen Schuldtiteln und Derivaten haben sich in den letzten Jahren mehr als verzehnfacht! An einem einzigen durchschnittlichen Handelstag wechseln heute weltweit Währungsbestände von ca. 1,5 Billionen Dollar den Besitzer. Das entspricht in etwa dem Gegenwert der gesamten Jahresleistung der deutschen Wirtschaft. In der gleichen Größenordnung bewegen sich Umsätze im Devisen- und Wertpapierhandel.

Geldgeschäfte aus dem Nichts?


Das verblüffende ist: Am Finanzmarkt verdienen scheinbar alle: die Konzernmanager, die Wertpapier- und Devisenhändler, die Onlinetrader, die Kleinanleger, die Großspekulanten... Hat sich eigentlich jemand schon mal die Frage gestellt: Wo kommt das ganze Geld her?

Wir sprechen hier nicht von ein paar Pfennigen Gewinn: Ein Drittel (!) des deutschen Volkseinkommens z.B. kommt aus bezahlter Nichtarbeit durch Geldgeschäfte.

Fakt ist: Mit normaler Arbeit werden tatsächlich neue Werte geschaffen, die dann eben ihr entsprechendes Geld wert sind. Am Finanzmarkt, das muss man sich mal klarmachen, werden keine neuen Werte geschaffen, und trotzdem verdienen viele Leute horrende Summen. Wo es Gewinner gibt, muss es logischerweise auch Verlierer geben. Auf wessen Kosten geht das also alles? Wer wird abkassiert?

In vereinfachter Form ist das Prinzip ungefähr folgendenes:

 

  1. Ein Aktionär will in der Regel Geld. Möglichst viel Geld.
  2. Das Unternehmen will Aktionäre. Deswegen verspricht es den Aktionären Geld (Rendite). Möglichst viel Geld - damit sie seine Aktien kaufen.
  3. Mit normaler Arbeit sind diese überzogenen Versprechen meist nicht einzulösen. Deswegen müssen viele Unternehmen sparen. »Sparen« heißt auf Finanzdeutsch »Effizienz« und bedeutet soviel wie: Kündigungen, Streichung von Arbeitsplätzen, Auslagern der Unternehmen ins Ausland, Billiglöhne, Fusionen, Steuern sparen, Raubbau an der Natur, und, und, und...

Den hinterlassenen Scherbenhaufen - Arbeitslose, fehlende Steuereinnahmen und eine am Boden liegende Wirtschaft und Umwelt - muss der Staat zusammenkehren.

Prinzip »Zecke«


An den Unternehmen wiederum hängen die Aktionäre. Die machen es ganz genauso. Ist das Unternehmen ausgesaugt, lassen sie es fallen, um sich ein neues »Opfer« zu suchen, welches man noch schröpfen kann. Z.B. ein Unternehmen, das sich an die »saftigsten« Länder anhängt und ihnen an Arbeitskraft und Rohstoffen heraussaugt, was irgend geht. Ob das mit Ausbeutung, menschlichen Tragödien und Zerstörung der Natur und Kultur dieses Landes einhergeht, ist dabei nicht von Bedeutung. Sind die Rohstoffquellen ausgesaugt, widmet man sich dem nächsten Opfer.

Auf wessen Kosten?


Die Leidtragenden dieses ganzen Systems sind jetzt wohl unschwer auszumachen: Es sind die Mittellosen, die eh’ kein Geld haben und deren Arbeitskraft für ein paar Mark auf dem globalen Arbeitsmarkt verhökert wird; es sind die Schwachen, deren Gesundheit bei gefährlichen Tätigkeiten aufs Spiel gesetzt wird; es sind die armen Länder, die es sich aus finanziellen Gründen nicht leisten können, den Unternehmen Vorschriften zu machen und deren Kultur und Wirtschaft zerstört wird; es ist die Natur, deren Bodenschätze gnadenlos ausgeraubt werden, deren Ökosysteme aus dem Gleichgewicht gebracht, deren Wälder gerodet und Wasser verseucht werden; aber das bist DU auch selbst, lieber Normalbürger, dessen Abgaben ständig steigen, dessen Reallohn ständig sinkt und dessen Arbeitsplatz immer unsicherer wird... Und dafür sind nicht nur die Großkonzerne verantwortlich, sondern ebenso jeder Kleinanleger, da er dieses Wirtschaftssystem mit antreibt.

Er ist mitschuldig daran, dass z.B. Siemens in Malaysia hunderte indonesische Fließbandarbeiterinnen 6 -7 Tage pro Woche für sich schuften lässt - und das für einen Hungerlohn. Er ist mitschuldig daran, dass ihr Wohnheim nachts wie ein Gefängnis abgeschlossen wird und ihnen ihre Pässe abgenommen wurden, um Fluchtversuche vor Ablauf der 3-Jahresverträge abzublocken. Er ist mitschuldig daran, dass man zwei indonesische Arbeiterinnen nur noch als verstümmelte Leichen im Abfall ihrer Fabriken fand, weil sie versucht hatten zu streiken. (Quelle: H.-P. Martin, Die Globalisierungsfalle, rororo)

Und ich...?!


Viele Aktionäre nennen sich christlich. Doch hat Jesus nicht gelehrt, die Armen auszubeuten, die Schwachen auszunutzen, ihre Gesundheit zu gefährden und die Natur zu schänden! Vielmehr heilte er die Kranken, half den Armen, und gab den Hungernden zu essen. Jedem stellt sich also irgendwie die Frage: Kann das ewig so weiter gehen? Und wie will ich meinen Lebensunterhalt verdienen? Will ich mit freiem Gewissen Verantwortung für die Gesellschaft mittragen? Oder will ich lieber wie ein Schmarotzer auf Kosten anderer leben und abends mit der Vorstellung schlafen gehen, dass meine heute eingestrichene Rendite eigentlich das Gehalt meines Nachbarn ist, dessen Stelle gestern gestrichen wurde?

Naja, vielleicht verspekuliere ich mir eines Tages meinen eigenen Job...?

          

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