Ausgabe No.15 - Der geistige Revolutionär Christus
Juni 2000

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No. 15
  Das Laster Lästern


Charakterschule für Homo Sapiens:
Das Laster Lästern


Irgendwie intelligent ist er ja schon, der homo sapiens. Er kann die Seiten im rechtwinkligen Dreieck berechnen, auf den Mond fliegen, Ratatouille kochen, Atomkraftwerke bauen und im Internet surfen.

Eines nur scheint bei der Ausbildung extravaganter Gehirnwindungen auf der Strecke geblieben zu sein: Das nämlich, was man landläufig »Charakter« nennt. Der homo sapiens verdreckt seine Umgebung, quält seine eigene Art, hält andere Säugetiere in Versuchslaboren, lügt, mordet, betrügt und lässt das dreckige Geschirr stehen. In dieser Serie »Charakterschule für homines sapientes« wollen wir Abhilfe schaffen und uns Stück für Stück dem nähern, was einen guten Charakter ausmacht:

Folge 1: Leben ohne Lästern


Lästern verbindet. Diese Übereinstimmung der Gemüter, das plötzliche Einvernehmen, wenn es darum geht, über einen Dritten zu lästern. Eine Anekdote gibt die andere, bis man sich schließlich in erhabener Selbstzufriedenheit vollkommen einig ist: Die Frau aus dem Parallelkurs ist echt das Letzte, was rumläuft. Gut, dass wir verglichen haben. Und während man sich noch in dem Gefühl sonnt, einfach der schlauste Mensch auf Erden zu sein, läuft eben diejenige gerade vorbei... »Hi!«, sagt sie. »Ah...«... (Verlegenheit)... »hi«... (schnell weggucken)... und schon habe ich mir das Leben ein Stück enger gemacht. Ich werde der Belästerten nämlich nicht mehr unbefangen in die Augen gucken können. Und da es genügend Tussen und Typen gibt, über die es sich mindestens ebenso gut lästern lässt, kann ich bald niemandem mehr in die Augen gucken... außer natürlich denjenigen Leuten, mit denen ich so gerne in trautem Einvernehmen lästere... .

Doch die eine, die guckt mich auch schon nicht mehr richtig an... äh, die wird doch nicht etwa mit jemand anders über mich lästern? Das wäre eine unverschämte Gemeinheit!

Blöd nur bei all dem zu wissen, dass ich selber angefangen hab mit der Lästerei. Müsste ich gerechterweise auch als erstes damit aufhören. Nur wie? Ich kann mir doch nicht vornehmen, jemanden nicht mehr blöd zu finden, der nun mal blöd ist, oder? Stimmt!

Wie man der Lästerei den Garaus macht, lernt jeder Stöpsel schon im Kindergarten, nämlich mit dem beliebten Singsang »Was man sagt, das ist man selber,...«. Will heißen: Wenn ich über jemanden lästere, muss ich den Spieß einfach umdrehen und mich selber an der Nase fassen - und werde feststellen müssen: Ich bin genauso!

Diese Erkenntnis ist übrigens schon 2000 Jahre alt. Offenbar war auch damals das Lästern weit verbreitet, sonst hätte Jesus von Nazareth seinen Zeitgenossen wohl nicht die Sache mit dem Balken und dem Splitter erklärt: »Ziehe zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge, bevor du den Splitter aus dem Auge deines Bruders entfernst.«

Der Witz ist nämlich der, dass genau die Marotte, Eigenart oder Charaktereigenschaft, die mich am andern so nervt, bei mir selbst ähnlich ausgeprägt ist. Eine ganz simple Rechnung, die garantiert aufgeht - einfach zwar, doch darin liegt der Schlüssel, von der Lästersucht loszukommen. Denn hat man erst einmal gemerkt, wie übel man selber drauf ist, vergeht einem das Lästern über andere von alleine...

So, das war’s für diesmal. In der nächsten Folge der Charakterschule heißt es dann: »Zuhören? Ist doch mir egal, was du laberst...« Und wer nicht bis zur nächsten Ausgabe warten will, kann sich kostenlos das Heft »Der Jugendliche und der Prophet« oder die Bergpredigt mit Erläuterungen bestellen und schon mal drin schmökern!

          

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